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"Ich bin doch kein Verbrecher"

KI-generiertes Bild zum Schutz der Privatsphäre.

Zollfahnder durchsuchen das Unternehmen von Paul Klassen. Sie glauben, dass er trotz des Embargos Autos nach Russland geliefert haben könnte. Der Geschäftsführer dementiert.

Ilja Regier


Minden. Paul Klassen ist einen Tag nach der Durchsuchung noch aufgewühlt. „Ich habe heute Nacht drei Stunden geschlafen und mir auf den Kameraaufnahmen angeschaut, wie sie mein Unternehmen auf den Kopf stellen.“ Der Mindener Geschäftsführer bezieht sich auf eine groß angelegte Razzia der Zollfahnder am Donnerstag in seiner Firma nahe dem Bahnhof am Schwarzen Weg. Obwohl gegen ihn Ermittlungen laufen, ist der Luxuswagenhändler von seiner Unschuld überzeugt und möchte gerade deswegen Transparenz zeigen.

Aus dem richterlichen Beschluss der Durchsuchung, der dem MT vorliegt, geht hervor, dass Klassen beschuldigt wird, gegen das bestehende Russland-Embargo der EU verstoßen zu haben. Das bestehe wegen des Ukraine-Kriegs seit dem Sommer 2022. Klassen Automobile soll trotz des Pkw-Ausfuhrverbots nach Russland hochwertige Fahrzeuge über Belarus dorthin exportiert haben, so der Vorwurf.

Ermittlungen des Zollkriminalamts hätten ergeben, dass zehn von Klassen verkaufte Wagen der Marke Mercedes Benz innerhalb von kurzer Zeit nach dem Export nach Belarus in Russland zugelassen worden seien, heißt es. Nach Angaben von Kim Beatrix Simon, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Bielefeld, werde gegen den Mindener Geschäftsführer wegen des Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz ermittelt. Weitere Auskünfte könnten nicht erteilt werden.

Paul Klassen gibt zu, dass er diese Fahrzeuge nach Belarus verkauft hat. „Das geschah über den Zoll, nach deutschem Recht – all das kann ich belegen“, versichert der 48-Jährige. Seine Geschäftspartner habe er gebeten, die Wagen nicht nach Russland zu verkaufen. Er könne nach der Lieferung jedoch nichts garantieren, meint er. Inzwischen habe er über ein Portal herausgefunden, dass mindestens eines der zehn Autos in Russland sei. „Wahrscheinlich sind es auch alle“, vermutet er.

Zwar hat die EU auch gegen Belarus umfangreiche Sanktionen verhängt, weil es Russland beim Ukraine-Krieg unterstütze und gegen Menschenrechte verletzte, 2022 sei laut Klassen jedoch der Verkauf von Autos dorthin möglich gewesen. „Das hat uns auch die IHK mitgeteilt“, sagt Mitarbeiterin Irina Wirsum, die bei Klassen die Finanzen verantwortet.

Paul Klassen zeigt den Beschluss der Durchsuchung. Er will Transparenz zeigen, da er nichts zu verbergen habe.
MT-Foto: Ilja Regier

Geschäftsführer Paul Klassen meint, dass die Durchsuchung in der Form mit rund 40 Beamten nicht notwendig gewesen wäre. „Wir haben alle erforderlichen Dokumente ausgehändigt, ich habe direkt mein Handy entsperrt. Die Beamten hätten nur freundlich anfragen müssen, er habe nichts zu verstecken. Im richterlichen Beschluss heißt es dazu, dass die Maßnahme dennoch aufgrund eines drohenden Beweismittelverlusts erforderlich sei.


Russland war vor dem Krieg ein wichtiger Absatzmarkt.


Obwohl in dem Beschluss steht, dass für die Ermittler überwiegend die Vertragsunterlagen und Verkaufsprotokolle interessant seien, glaubt Klassen an eine andere Ursache: „Die haben bestimmt nach Drogengeld bei mir gesucht.“ So könne er auch nicht verstehen, weshalb sein Privathaus durchsucht habe. Alle Nachbarn hätten gefragt, warum bewaffnete Beamte vor Ort gewesen seien. „Ich bin doch kein Verbrecher.“

Klassen selbst hat vor dem Krieg in der Ukraine zahlreiche Autos nach Russland vertrieben. Aufgrund der Sanktionen seien 40 Prozent seiner Geschäfte kaputtgegangen, sagt er. Seit Beginn des Krieges hat sich Klassen aber immer wieder deutlich auf die Seite der Ukraine geschlagen. So unternahm er mehrere Fahrten mit Hilfsgütern und ermöglichte auch Menschen die Flucht aus dem Kriegsgebiet. Insgesamt zeigt sich der in Tadschikistan geborene Deutsche enttäuscht von der Justiz und generell von Deutschland. „Ich überlege, ob ich für den Vertrieb nicht nach Monaco, Frankreich oder Dubai ziehe.“

Die Ermittlungen gegen Klassen sind kein Einzelfall, es laufen zahlreiche Verfahren gegen deutsche Autohändler wegen Verstößen gegen Russland-Sanktionen oder illegalen Exports von Luxusautos. So verurteilte das Landgericht Mannheim im Dezember 2025 einen hauptbeschuldigten Geschäftsführer zu dreieinhalb Jahre Gefängnis wegen gewerbsmäßigen Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz in 45 Fällen. Laut des Rechercheprojektes „Sanction Breakers“ fahren Moskaus Eliten weiter deutsche Nobelkarossen, die unter Umgehung von Sanktionen, vor allem über Kirgisistan geliefert werden.


Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882168 oder Ilja.Regier@MT.de

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